The new CD from Davies & Gut
Released Europe 04.97 / North America 10.97

German Reviews of MIASMA 2 (1997)

German Reviews of MIASMA

MIASMA: A BUTOH OPERA
92.12.02
MARGARET GREENHAM THEATRE
(Übersetzung von Walter Wittich)

Basierend auf dem Herbst-Thema des Kunst-Studio-Programms des Banff Centers, "Instabilität des weiblichen Subjekts", ist Miasma eine experimentelle Behandlung von Techno-Rock, Poesie und Tanz. Seine Zeugerinnen nannten es Butoh-Oper mit dem Untertitel: "Ein Spektakel der Fantasien".

Myra Davies, aus der Provinz Alberta (Canada), schrieb das Stück und führte Regie, in Zusammenarbeit mit der Berliner Komponistin Gudrun Gut und Butoh-Choreographin Hiroko Tamano, aus Tokio stammend, jetzt in Berkeley, Californien. Mit 15 weiteren Gastkünstlern, alles Frauen, stand das Trio auch mit auf der Bühne, eine einstündige Multi-Media-Beleidigung, die eine warnende Nachricht über die Brüchigkeit der Natur des Menschen enthält.

Auf die Streckbank der kontroversen Begierden gespannt, zwischen selbstlosem Opfer und eigensüchtigem Konsum, stellen die Künstlerinnen eine choreographierte philosophische Frage, die das Publikum mit einer Reihe von Bilderschüben überrollt. Nebel, Rauch und der Urklang aus Gut's innerster Elektronik füllen die Halle. Miasma entfaltet sich sowohl symbolisch, als auch tatsächlich als Wolke, aufbauschend, verschwindend und wieder aufbauschendn, in der Psyche und den Lungen des Publikums.

Das Wort miasma bezeichnete früher eine giftige Ausdünstung, von der man glaubte, sie rufe Krankheit hervor. Indem sie einen mittelalterlichen Sündenbock aufleben lies, füllte Davies ihn mit neuen Nebenbedeutungen. Ihre giftige Wolke ist "der sozial bedingte Äther, in dem wir jeder alleine umherirren. Er gestalltet uns nach seinem Abbild. Wir sind kleine Spiegel, die Aspekte von Miasma reflektieren." Und sie hetzt sie auf das Publikum mit einem Resultat, das sowohl geistig als auch körperlich ungenehm ist. Wenn Trockeneis und Glizeryn die Bühne überfluten und schwerer Rauch in den Zuschauerraum und die Integrität des Publikum eindringen, unterstützt das die imperative Stimme der Poesie und des Tanzes.

Frühr ankommend, um zu dem heiß besprochenen Ereignis eingelassen zu werden, wurde das Publikum mit dreißig nebelumgebenen Minuten von Gut's Elektronik und einem Cyclorama mit zwei übereinanderprojezierten Bildern konfrontiert: das Eine, eine endlose Schlaufe mit riesigen, grobkörnig-weißen Ballerinen, die Arabesque, Schritt, Schritt, Port de bras wiederholen; und das Andere, medizinische Scanner-Bilder eines menschlichen Gehirns im Aufriß. Dies leitet ein Gefühl der stasis ein, daß die organischen Vorgänge im Körper, und die Zeit selbst angehalten wurden.

Diese inertia endet, als Gut hoch oben in einem schwarzen Turm erscheint, von Maschinen umgeben, und Davies tritt ebenerdig auf. Ihr Eröffnungsdialog ist eine Kabarett-Nummer über die Bosheit, die hinter die Maske der konventionellen Anständigkeit spitzt. Jedenfalls argumentiert Davies so, ihren Standpunkt überzeugend vertretend, bis das unschuldige Fräulein Gut sie plötzlich erschießt.

Keine Zeit, darüber zu meditieren; zwei Kleine Mädchen erscheinen, die geisteskranke Versionen von Kinderreimen vortragen. Die talentierten, jungen, darstellenden Künstlerinnen Lori Weidenhammer aus Saskatchewan und Joanne Bristol aus Manitoba brachten eine unterhaltsame Interpretation von spielenden Kindern, die hinunter in ein dunkles, fast obszönes Gefühl der Versklavung abtreibt, als sie schwere Frauenarbeit spielen, und stöhnend mit staccato-Handschlägen auf dem Boden Sandkuchen machen.

Als Nächstes, eine unheimliche Erscheinung. Eine weiße, gespenstische Figur - Tamano - gleitet aus dem Rauch-gefüllten urzeitlichen Loch in der Mitte der schwarzen Wand. Hier ist eine Meisterin ihrer Kunst, klar zu erkennen als die Quelle des Bewegungsvokabulars, das die ganze Truppe in seinen Bann zog. Alle Augen des Publikums waren auf ihren nackten Fuß geheftet, auf die feinfühlige Plazierung jeder Sehne und jedes Muskels, von Ferse, Rist, Ballen und Zehe, angespannt und ballancierend um und auf dem Schwerpunkt mit einem surrealen und schwebendem Tempo; aufziehend, zurückziehend und wieder aufziehend. Tamano scheint auf der transzendenten Musik zu treiben und zieht uns tiefer in die Zeitlosigkeit. Es ist eine mystische Mischung von Heiligem und Profanem, von Leben und Tod, ein Hauch des Weiblichen, und vom Mensch jenseits der Geschlechter.

Jetzt wieder aus dem Nebel heraus, die Kleinen Mädchen sind wieder da, und jetzt haben sie ihren Prinzen. Die Musik sagt, wir seien in Schwanensee, aber er ist eine Schaufensterpuppe mit Glasaugen und einer goldenen Krone. Es ist der Tanz der Cygnets. Sie werfen ihn von einer Klippe und winken ihm zum Abschied.

Dann erscheinen die Großen Mädchen. Gogo girls? Drei, in weißen Korsetten und Strapsen auf einer hohen Plattform, begrenzt mit Industrieketten und Stahlrohren, die mit aufstehenden Metzgermessern besetzt sind. Selstbewußt, angeberisch sogar, aber trotzdem versklavt, lassen die Großen Mädchen ihre Bosheit in einer nicht so dezenten Projektion von Härte im Kern dieser opulent-sinnlichen Revue heraushängen. Sie manifestieren kulturelle Versklavung und ihre Aussage wird verstärkt durch ihre Stellung in der romantischen Atmosphäre, die durch die barrocken Pfeiler und verschmückten Kandelaber geschaffen wird (alte Bühnenrequisiten der Oper Eugene Onegin). Das Wagnis der Großen Mädchen wird beinahe tragisch mit dem Zusatz eines Puppenbabies ausgedrückt, die, an den Straps-Gürtel einer Stripperin genäht, herumbaumelt, als sie tanzt.

Drei Heldinnen kommen an, leidenschafts-besessene Selbstmörderinnen aus der Klassik: Madam Butterfly, Anna Karenina und Marguerite Gautier (Die Cameliendame), archetypische Andeutungen der destruktiven Dialektik, genannt Romantische Liebe. In einer stentorischen Aggressionsrede, betitelt "Heathcliff", überarbeitet Davies die romantische Moral und fällt bei der Ankunft der Hackerinnen außer Sichtweite. Diana, die Jägerin, trägt einen hochtechnisierten Jagdbogen und einen blutigen Hirschkopf, und das sind keine Theaterrequisiten. Salome - rachedurstige Verführerin oder ahnungslose Jugendliche? - trägt den Kopf eines Mannes auf einem Tablet. Und Judith, Heldin des Krieges und sein gequältes Opfer, kommt an, in eine Decke gehüllt, unter einem Hagel von Artilleriefeuer. Als sie die Decke öffnet, fällt der Kopf des Holofernes im pollierten römischen Helm aus ihren Armen.

Aber die Hackerinnen haben außerhalb ihrer vergangenen Geschichte keine Stärke. Wie die Heldinnen vor ihnen, verschwinden sie in geistige Daseinsformen und treiben sanft im Nebel, wie Büschelgras im Sumpf, unbeachtet von den Kleinen Mädchen, die uneingeschränkt lebhaft mit dem Kopf Johannes des Täufers Fußball spielen.

Davies trägt, mit den Großen Mädchen als "back-up"-Sängerinnen, ein Stück über den Gebrauch und Mißbrauch von Macht vor. Der Klang und das Tempo steigern sich. Fünf Foetusse, feucht mit rotem Schlamm geboren, entfalten sich in der Mitte der Bühne in Butoh-Tradition, ihr stiller Schrei ein reiner und direkter Schlag ins Herz.

Wagners "Ritt der Walküren" und das Brüllen von Motoren ist zu hören, als das Loch in der Mitte der Wand Nebel ausspeit und ein Leuchten tief darin immer heller wird. Die Walküren erscheinen auf Motorrädern, Helme mit Flügeln bestezt, und sind, mit Hilfe einer Flughafen-Bodenbesatzung, auf dem Landeanflug. Sie sind die Totenträgerinnen des gefrorenen Kriegers, eines Mumien-steifen Körpers, der an sein heldenhaft-übergroßes Schwert gefesselt ist. Der Körper wird hochachtungsvoll auf den Boden niedergelassen, während Gut aus ihrem Turm herabsteigt, obwohl es nicht ganz klar ist, ob sie plant, ihn wiederzubeleben, oden sich wie ein Vampir zu füttern. Eines ist allerings klar: wie der Prinz ist dieser Held eine Schaufensterpuppe.

Dann wechselt die Musik zu entfernter, schmalzig-deutscher Musik aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Mit prallen Scheinwerfern auf den Harley-Davidsons winken die Charaktäre ein wohlwollendes Lebewohl und schrumpfen in den Smog zurück. Ein Frachttor wird herabgelassen und schneidet ihre zurückziehende Erscheinung von uns ab. Die tote Helden-Puppe liegt alleine in der Mitte der Bühne. Trotz der Aufforderung des Publikums kam niemand zur Verbeugung.

Kudos Tamano. Brava Davies. Wunderbar Gut. Man hofft, daß die Kombination dieser Künsterinnen bald wieder zusammenarbeiten wird. Inzwischen lassen Sie ihre CD-Spieler eingeschalten. Eine Aufnahme wird folgen. Dean McKenzie ist ein Poet und Lehrer, der in Edmonton lebt.

von Dean McKenzie

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